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Das Krippenrisiko

Erst Krippe,dann ADHS?

Stress in der Krippe?



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http://www.zeit.de/2014/04/kinderbetreuung-krippen-qualitaet-karl-heinz-brisch

Das Krippenrisiko

Endlich gibt es genügend Kitaplätze. Aber die Qualität der Betreuung ist nicht gut genug, sagt der Bindungsforscher und Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch im Interview. Ein Interview von Christine Brinck

DIE ZEIT Nº 04/2014Aktualisiert 25. Januar 2014  15:08 Uhr 

DIE ZEIT: Herr Brisch, die von Bund, Ländern und Kommunen angestrebte Zahl von Krippenplätzen ist erreicht, sogar übererfüllt worden. Sie beschäftigen sich mit der seelischen Gesundheit von Kindern. Ist jetzt alles gut für Eltern und Kleinkinder?

Karl Heinz Brisch: Nein, Kleinkinder müssen nicht irgendwie untergebracht werden, die Qualität der Betreuung entscheidet alles.

ZEIT: Wie messen Sie Qualität?

Karl Heinz Brisch

Der Münchner Kinderpsychiater und Psychoanalytiker Karl Heinz Brisch forscht über die frühe Eltern-Kind-Bindung und ihre Störungen.

Brisch: Internationale Studien sagen sehr klar, dass bei den Säuglingen eine Betreuungsrelation von eins zu zwei – eine Erzieherin für zwei Kinder – und bei den etwas älteren Kindern eine von eins zu drei herrschen sollte. Das ist in den allermeisten Krippen in Deutschland nicht gegeben. Da gibt es Verhältnisse von eins zu sechs, eins zu sieben oder eins zu acht. Wir haben zwölf und mehr Kinder in einer Gruppe mit formal zwei Erzieherinnenstellen. Und diese zwei Stellen teilen sich oft auch noch mehrere Teilzeitkräfte, die nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Stunden in der Krippe sind.

ZEIT: Schadet solch fliegender Personalwechsel den Kindern denn?

Brisch: Die Kinder sehen unter der Woche viele Menschen, nicht nur die zwei Erzieherinnen, und das auch noch zu unterschiedlichen Zeiten. Damit sind sie wirklich auf hoher See, was emotionale Bindungen, Beziehungen und Sicherheit angeht.

ZEIT: Was ist die Lösung, wenn die arbeitenden Eltern nehmen müssen, was sie kriegen können?

Brisch: Alle Eltern und Fachleute können eigentlich nur dafür kämpfen, dass die Politik mehr Geld investiert, um mehr Personal in den Krippen zu haben, es besser auszubilden und zu begleiten, damit die Qualität der emotionalen Erzieherin-Kind-Beziehung besser wird.

ZEIT: Es war früh abzusehen, dass es nicht genügend Erzieher für die Masse der neuen Plätze geben würde. Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

Brisch: Nötig ist eine ganz gezielte Ausbildung von Erzieherinnen für den Frühkindbereich. Es braucht schon eine besondere Berufung, um zu sagen: Ich engagiere mich mit Inbrunst für Säuglinge. Zwei, drei Säuglinge zu versorgen ist viel anstrengender, als mit Drei- bis Sechsjährigen zu spielen. Wer für den Kindergarten ausgebildet ist, hat von Säuglingen und Zweijährigen nicht unbedingt eine Ahnung.

ZEIT: Was ist das Besondere in diesem Alter?

Brisch: In dieser Phase unseres Lebens werden die neuronalen Strukturen des Gehirns angelegt. Das Gehirn ist ja wenig vorverdrahtet, wenn wir auf die Welt kommen, es ist von großer Plastizität, es gibt ein Überangebot von Nervenzellen. Darum kommt es darauf an, was in dieser frühen Zeit passiert, welche Erfahrungen in welchem Kontext gemacht werden – das alles formt die Struktur des Gehirns der Kleinsten. Strukturen später zu verändern durch Psychotherapie oder neue Beziehungserfahrungen ist möglich, aber schwierig, zeitaufwendig und damit auch teuer.

ZEIT: Dass Stress der Hirnentwicklung schadet, ist aus vielerlei Studien bekannt. Wurde das zu wenig berücksichtigt beim Krippenausbau?

Brisch: Offensichtlich. Dauerstress schadet dem Gehirn, und dieser Stress stellt sich schnell ein, weil es an ausreichend beständigem emotionalem Kontakt fehlt. Natürlich kann keine Erzieherin mit sechs oder acht unter Dreijährigen emotional ausreichend in Kontakt sein. Das geht einfach nicht bei diesem Personalschlüssel und dauerndem Personalwechsel. Damit wird der Mangel an Zuneigung für die Kleinen zur Alltagserfahrung. Das müsste man dringend, dringend, dringend ändern.

ZEIT: Ihr Appell ist nicht neu, aber er zeigt keine Wirkung. Warum protestieren weder Eltern noch Personal gegen die Belastung der Kleinsten?

Brisch: Wir haben in Deutschland eine Hypothek. Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind war der Standardratgeber für alle Mütter in der Nazizeit. Das liest sich wie eine Anleitung zu: Wie härte ich mein Baby am schnellsten ab und mache es frustrationstolerant? Oder auch: Wie helfe ich ihm, Angst, Schmerz und sogar Hunger auszublenden? Wenn ich Krieger aufziehen will, ist das eine fabelhafte Vorlage.

ZEIT: Das will ja nun keiner mehr ...

Brisch: Nach dem Ende des Faschismus wurde das Buch um ein paar ideologische Inhalte bereinigt und als Die Mutter und ihr erstes Kind in einigen Städten weiter jeder neuen Mutter in die Hand gegeben. Die letzte Auflage ist von 1986. Diese Art, Kinder zu erziehen, ist bei uns historisch verankert. Wenn Sie heute einen Ratgeber schreiben, der Härte von Eltern gegenüber ihren Kindern verlangt, dann ernten Sie Zuspruch. Wenn Sie Feinfühligkeit, liebevollen Umgang und das Achten auf Signale anmahnen, dann geraten Sie schnell in den Verdacht, Sie wollen Kinder verwöhnen.

ZEIT: Verwöhnen?

Brisch: Ja, das ist die größte deutsche Angst. Wir führen hier in München Elternkurse durch, Safe genannt (Sichere Anleitung für Eltern). Wenn wir die angehenden Eltern fragen, was sie fürchten, das ihrem Baby schlimmstenfalls passieren könnte, dann antworten acht von zehn Eltern nicht, dass es behindert wäre oder gesundheitliche Probleme hätte oder gar bei der Geburt sterben würde, nein, sie fürchten: "dass unser Kind verwöhnt wird".

ZEIT: Angst, dass Babys verwöhnt werden?

Brisch: Ja. In Bolivien würde mir eine Mutter antworten, dass ihre größte Angst sei, nicht genug zu essen für ihr Baby zu haben oder dass es vielleicht sterbe, die Kategorie Verwöhnen kommt nicht vor. Während unserer Kurse fragen die Eltern auch immerfort: Wann fangen wir an, das Baby an Frustrationen zu gewöhnen, ja sogar abzuhärten? Da liegt wohl auch ein Schlüssel dafür, dass die Eltern nicht aufschreien gegen die Krippen, in denen den Kleinsten einiges zugemutet wird.

ZEIT: Viele Eltern haben heute ja nur ein Kind, wäre da mehr Sorgfalt bei der Krippenwahl nicht logisch?

Brisch: Die Mütter und Väter sind in dem Konflikt zwischen guter emotionaler Versorgung des Nachwuchses und eigener beruflicher Entwicklung. Vielfach ist nicht einmal Zeit für eine gute Eingewöhnung der Kinder in der Krippe.

ZEIT: Wann ist die Eingewöhnung gut?

Brisch: Es kommen dabei mehrere Personen mit ihren Bindungssystemen zusammen: die Erzieherin, die Mutter und das Kind. Die drei müssen sich jetzt auf einen neuen Weg begeben, der Trennung von der Mutter heißt. Wie schnell und wie gut das geht, hängt auch von der Bindungshaltung der Mutter und der Feinfühligkeit der Erzieherin ab. Wenn die Eingewöhnung bindungsorientiert läuft, kann sechs Monate später das Kind auch sicher an die Erzieherin gebunden sein, wie unsere Studien zeigen.

ZEIT: Studien bescheinigen nur zehn Prozent der Krippen sehr hohe Qualität. Schlimmer noch, die Kinder, die am meisten profitieren könnten, leben in Problembezirken, die meist auch die schlechtesten Krippen haben. Wie löst man dieses Dilemma?

Brisch: Das ist eine politische Entscheidung. Wenn man weiß, dass da von zu Hause wenig sicher gebundene Kinder auf den Weg kommen, dann sollte man dort sehr gut ausgebildete Erzieherinnen und eher eine Eins-zu-zwei-Betreuung anbieten. Dann würden sich die Kinder im besten Fall sicher an die Erzieherinnen binden. Wenn die Kinder derart drei Jahre lang eine sichere Bindung erleben, nehmen sie das als Schutzfaktor für den Rest des Lebens mit. So wird die Krippe nicht zum Risiko-, sondern zum Schutzfaktor für die Kinder aus Brennpunkten.

ZEIT: Das funktioniert auch, wenn die Kinder mittags wieder in ihre nicht funktionierenden Familien zurückkommen?

Brisch: Ich denke, diese Kinder könnten sogar von einer längeren Betreuung profitieren, hohe Qualität vorausgesetzt. Wir sehen in unseren Studien, wie die Beziehungsmuster sich ändern, wenn die Erzieherin das gut macht, sich auf das Kind einstellt. Wir haben Kinder, die unsicher gebunden in die Krippe kommen und sechs Monate später an die Erzieherin und an die Mutter sicher gebunden sind.

ZEIT: Sie beschreiben gewissermaßen das Modell, wie ist die Wirklichkeit?

Brisch: Die Erzieherinnen sind meist sehr motiviert. Sie wollen besser zurandekommen, als sie es gemeinhin tun, sie sind oft nicht glücklich, wie es ihnen in den Krippen ergeht. Und wenn sie unglücklich werden, brechen sie ab, gehen zu den älteren Kindern oder in einen ganz anderen Job. Man muss ihnen Begleitung, Supervision, bessere Arbeitsbedingungen und auch eine bessere finanzielle Ausstattung sowie ein würdiges Gehalt geben. Solche Voraussetzungen würden auch eine gesellschaftliche Wertschätzung für diese enorm wichtige emotionale Investition der Erzieherinnen in die Entwicklung der Liebes- und Beziehungsfähigkeit einer ganzen Generation widerspiegeln.

ZEIT: Das wird teuer.

Brisch: Ein Klacks, wenn man vorausschauend denkt, es ist schließlich das Investment in die Gehirne der nächsten Generation. Wir haben sonst die Kinder später in der Therapie, aber da muss man viel mehr investieren, um neue emotionale Erfahrungen im Gehirn zu verankern. Das geht, ist aber viel aufwendiger und teurer ohnehin.

ZEIT: Wie teuer?

Brisch: Ich habe mal spaßeshalber eine Rechnung aufgemacht: Etwa 20 Prozent aller Grundschulkinder sind jetzt schon so verhaltensauffällig, dass sie eine Therapie brauchten. Bezogen auf 800.000 Krippenkinder: Bei einem Honorar von 80 Euro pro Therapiestunde sind wir da schnell bei Milliardensummen, von den Kosten für die Jugendhilfe ganz zu schweigen. Wenn wir das Geld aber nehmen und durch das kleine Gehalt der Erzieher und Erzieherinnen teilen, sind wir locker bei einer Eins-zu-drei-Betreuung, die sicher gebundene Kinder erziehen kann und Verhaltensauffälligkeiten vorbeugt. Wenn wir vorbeugend früh das Geld ausgeben würden, dann hätten wir Renditen wie sonst nirgendwo.

ZEIT: Haben wir zu viel zu schnell gemacht?

Brisch: Wenn man an Ausbau denkt, egal, ob es Schiffe oder Autos betrifft, ist doch normalerweise die erste Frage die nach den Qualitätsstandards und dem TÜV. Wenn man dann schließlich sicher ist, was nach internationaler Forschungslage geht, dann fängt man an. Bei den Krippen hat die Politik das nicht so gemacht, sie hat einfach die Krippenplätze multipliziert, auf niedrigstem Niveau. Es gibt bis heute keine ausreichenden gesetzlichen Standards, wie und mit wie vielen Kindern eine Krippe zu betreiben ist. Von emotionaler Betreuung redet man nicht an erster Stelle. Ohne emotionale Betreuung und Bindung indes wird von dem neuronalen Wachstumshormon, das die Vernetzung koordiniert, nicht genug gebildet. Satt und sauber allein reicht schon lange nicht mehr.

ZEIT: Nun gibt es bereits 24-Stunden-Krippen. Was halten Sie davon?

Brisch: Die 24-Stunden-Krippe ist eine richtige Katastrophe, weil die Kinder überhaupt keine Struktur und Orientierung mehr haben. Die Eltern können teilweise jederzeit anrufen und ihr Kind über Nacht dort lassen und erst am nächsten Tag abholen.

ZEIT: Was sollen denn Eltern in Schichtarbeit machen?

Brisch: Wenn wir wollen, dass Eltern ihre Kinder in einem kindgerechten Rhythmus versorgen können, dann wäre das kein Problem, diese Mütter und Väter bei entsprechender finanzieller Unterstützung vom Schichtdienst zu befreien. Wir lassen ja auch Frauen, wenn sie schwanger sind, keine Nachtdienste mehr machen. Es gibt in Deutschland ein strenges Mutterschutzgesetz, und darauf sind wir stolz.

ZEIT: Sind die Kinder einmal da, erfahren sie aber keinen entsprechenden Säuglingsschutz. Woher dieser Bruch?

Brisch: Wir sind nach wie vor keine baby- oder bindungsfreundliche Gesellschaft. Darauf müssen wir aber hinarbeiten, und wenn wir es realisieren würden, würden wir auch auf lange Sicht viel Geld sparen.

ZEIT: Sie klingen nicht gerade optimistisch. Wird es in Zukunft mehr verhaltensauffällige Kinder geben, wenn sich die Qualität der Krippenbetreuung nicht verbessert?

Brisch: Damit ist zu rechnen. Aber ich hoffe sehr, dass sich viele Menschen für eine Verbesserung engagieren werden.


http://www.fr-online.de/wissenschaft/stress-in-der-krippe/-/1472788/4712362/-/index.html

22.06.2011

 Frankfurter RundschauWissenschaftMedizin

 

Dies ist ein original Artikel aus der o.a. Zeitung:

"Entwicklungspsychologie
Erst Krippe, dann ADHS?

Wissenschaftler sind auf mögliche Ursachen für Hyperaktivität gestoßen: Offenbar hängt die Chance, dass ein Kind Aufmerksamkeitsstörungen entwickelt mit dem Alter des Krippenbesuchs zusammen.

Wenn Kinder sehr früh in die Krippe kommen, kann dies später mit einem erhöhten Risiko für Aufmerksamkeitsstörungen einhergehen. Diesen Verdacht legen zwei Studien nahe, die kürzlich im Fachblatt „Allergy“ erschienen sind.

Zunächst berichtete dort ein Team um die Düsseldorfer Umweltmedizinerin Claudia Cramer, dass Krippenkinder im Vergleich zu anderen Mädchen und Jungen in den ersten zwei Lebensjahren ein anderthalbfach erhöhtes Risiko tragen, ein Ekzem zu bekommen. Die Forscher nutzten Daten der noch laufenden Geburtskohortenstudie „LISAplus“, die mitunter auf Untersuchungsprotokollen, Blutanalysen und der Feststellung von Allergieauslösern in Haushalten basiert. Im Fokus standen dabei insgesamt 3097 Kinder in Ost- und Westdeutschland. Ziel war es, Aussagen über die Entwicklung von Lebensstilen und ihre Auswirkungen auf Kinder nach der Wiedervereinigung zu treffen. Bei der engeren Datenerfassung handelte es sich um 1578 Kinder aus München, Leipzig, Wesel und Bad Honnef.

Die Forscher wollten wissen, warum Kinder in Ostdeutschland bis zu ihrem sechsten Lebensjahr häufiger an Ekzemen leiden als in Westdeutschland. Nachdem andere Faktoren wie Genetik, Verkehrsbelastung und soziale Verhältnisse herausgerechnet worden waren, blieb als einziger Faktor die Krippe, die die ostdeutschen Kinder häufiger besuchten als die westdeutschen. „Krippenbetreuung ist mit einem erhöhten Risiko für eine Ekzembildung verbunden“, so die Forscher.

Über die Gründe können sie bisweilen nur spekulieren. Möglicherweise spiele der erhöhte Stresspegel eine Rolle, dem Kinder in Krippen ausgesetzt seien.

„Man weiß heute, dass neben immunologischen Faktoren auch Störungen der Hautbarriere eine wichtige Rolle bei der Entwicklung eines Ekzems spielen“, sagt Studienautorin Claudia Cramer vom Arbeitsbereich Epidemiologie des Leibniz-Instituts für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf. Auch die Psyche und emotionaler Stress seien von wesentlicher Bedeutung für die Krankheitsentwicklung eines Ekzems und dessen Verlauf.

Die Studie, so die Autorin, befinde sich im Einklang mit einer schwedischen Untersuchung, die bei ein- bis sechsjährigen Kindern zu dem gleichen Ergebnis gekommen sei. Hier fanden Wissenschaftler heraus: Je jünger die Kinder waren, desto stärker war auch der negative Effekt.

Ostdeutsche Jungs im Fokus

Das passt zu Beobachtungen der Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert an der Universität Wien, die kürzlich bei unter zweijährigen Krippenkindern flachere Cortisol-Tagesprofile und damit eine ungünstigere Stressverarbeitung feststellte.

Im März veröffentlichte dann ein Team um den Dresdner Dermatologen Jochen Schmitt ebenfalls in „Allergy“ eine Studie auf Basis derselben Geburtskohorte, die auch die Düsseldorfer Kollegen genutzt hatten. Ergebnis: Kinder, die in den ersten beiden Lebensjahren wegen juckender Ekzeme schlecht schliefen – der Düsseldorfer Studie zufolge waren dies vor allem Krippenkinder -, neigten als Zehnjährige stärker zu Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität.

Dies könnte womöglich erklären, weshalb ADHS bei ostdeutschen Kindern, vor allem bei den Jungen, häufiger auftritt als in den alten Bundesländern. Denn analog zur Ekzemhäufigkeit und stärkeren Krippennutzung kommen im Osten einer 2007 veröffentlichten Studie der Universität Halle zufolge auf 100.000 Einwohner 25,3 ADHS-Jungen, im Westen dagegen nur 8,7.

Claudia Cramer fordert weitergehende Untersuchungen, die detaillierte Informationen zu Häufigkeit des Krippenbesuchs, Betreuungsschlüssel, Gruppengröße und Verköstigung liefern. „Denn natürlich macht es einen Unterschied für die Stressbelastung, ob fünf oder 20 Kinder in einer Gruppe sind“, sagt die Forscherin. Auch deute sich an, dass der Effekt nachlasse, wenn Kinder später in die Krippe kämen. Noch fehlten hierzu gesicherte Daten."

Hinweis:Leider fehlt der Hinweis in diesem Artikel,dass in dieser Studie festgestellt wurde,dass der COrtisolgehalt von in Tagespflege betreuten Kindern ungleich geringer ist.

(A.d.R.)



                                   ***



 http://www.fr-online.de/wissenschaft/stress-in-der-krippe/-/1472788/4712362/-/

22.06.2011

 Frankfurter RundschauWissenschaft"




Ein weiterer Orignalartikel der Frankfurter Rundschau

"Studie
Stress in der Krippe"

Die Psychologin Lieselotte Ahnert hat erstmals Zwischenergebnisse der „Wiener Kinderkrippenstudie“ vorgestellt. Bei der Studie messen die Forscher den Wert des Stresshormons Cortisol im Speichel von Kleinkindern.

 Cortisol spielt in der modernen Stressforschung eine große Rolle. Es ist das wichtigste der in der Nebenniere produzierten sogenannten Glukokortikoid-Hormone und bereitet den Körper darauf vor, dass er Stress bewältigen muss. Deshalb heißt es im Volksmund auch „Stresshormon“. Für Forscher ist es folglich nahe liegend und auch seit Längerem üblich, mithilfe von Messungen des Cortisolspiegels bei Kindern auch den Effekt der frühen Krippenbetreuung zu untersuchen.

Die ehemals in Köln und inzwischen an der Universität Wien lehrende Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert widmet sich dem Thema im Rahmen einer 2007 begonnenen und noch bis 2012 laufenden Untersuchung. Zwischenergebnisse der „Wiener Kinderkrippenstudie“ stellte sie gerade erstmals auf dem Psychologenkongress in Bremen vor.

Hormonkurve

Cortisol ist das wichtigste „Stresshormon“, es wird vermehrt ausgeschüttet in akuten und wiederkehrenden Belastungssituationen. In einem gesunden Körper findet man die stärkste Konzentration morgens zwischen 7 und 8 Uhr. Im Laufe des Tages fällt der natürliche Cortisolspiegel kontinuierlich ab und erreicht abends nur noch Werte von etwa zehn Prozent des Morgenwertes.


Abweichungen von diesem Tagesverlauf deuten auf Stress hin: Beim Burnout-Syndrom wird der natürliche Tagesrhythmus zunehmend verändert (etwa morgens niedrig, mittags hoch, abends niedrig) bis hin zur völligen Aufhebung: Der Cortisolwert bleibt dann dauerhaft erniedrigt, die Cortisolkurve im Tagesprofil verläuft nur noch sehr flach. bvl

Cortisol-Werte sind tageszeitabhängig: Morgens ist der Wert am höchsten, da der Organismus nachts Cortisol aufzutanken scheint. Die Art und Weise, wie die Cortisol-Kurve im Tagesverlauf abfällt, zeigt an, wie der Körper in der Lage ist, auf Stress zu reagieren. In der Kindheit ist dieses System allerdings noch nicht voll ausgereift, es muss sich erst langsam entwickeln. Bislang weiß man nicht, mit welchem Alter die Entwicklung eines Cortisol-Tagesprofils abgeschlossen ist. Erste Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass es sich bis zum fünften Lebensjahr stabilisiert hat.

Vor allem mittags unruhig

Die Forscher wollten nun wissen, wie sich die frühe Krippenbetreuung auf die Stressbelastung eines Kindes auswirkt, vor allem auch im Verhältnis zur Bindung an die Erzieherinnen. Dafür bezogen sie 65 Kleinkinder zwischen zehn und 36 Lebensmonaten in ihre Untersuchung ein; zwei Monate nach Krippeneintritt begannen sie mit den Cortisolmessungen in Form von Speichelproben.

Ergebnis: Bereits nach zehn Wochen zeigten Kinder, die jünger als zwei Jahre waren, eine verminderte Stressreaktivität, ihr morgendlicher Cortisolwert nahm ab. Besonders gestresst zeigten sich die Kinder zur Mittagszeit. „Mit fortschreitender Krippenbetreuung sinkt der morgendliche Cortisolwert, die Tagesprofile werden flacher (damit werden die im Tagesverlauf schwankenden Spiegel von Substanzen etwa im Blut erfasst, d. Red.), die Stressverarbeitung wird ungünstiger“, resümiert Tina Eckstein von der Uni Wien.

Je jünger ein Kind sei, desto empfindlicher reagierte es auf Stress. Auch ein Kind, das sich sicher an seine Erzieherin gebunden fühle, bliebe davon nicht verschont. Die Expertin erklärt das so: „Die sichere Bindung in der Krippe ist etwas anderes als das Zuhause.“ Die Erzieherin sei emotional nicht immer verfügbar, sie müsse sich um mehrere Kinder gleichzeitig kümmern, habe Urlaub und fehle auch mal wegen Krankheit.

Allerdings wiesen Kinder, die in einem engen Kontakt zu einer Erzieherin standen, laut Studie erst vier Monate nach Krippeneintritt eine ungünstige Stressverarbeitung auf – unsicher gebundene dagegen schon nach zwei Monaten. „Eine sichere Bindung zur Erzieherin scheint damit die Stressverarbeitung besonders bei den jüngsten Kindern nach Krippeneintritt abzufedern“, so Eckstein. Dennoch lautete das vorläufige Fazit der Forscher: Kinder, vor allem solche, die jünger als 25 Lebensmonate sind, zeigen mit fortschreitender Krippenbetreuung zunehmend niedrigere morgendliche Cortisolwerte, die das Tagesprofil abflachen. Die Stressverarbeitung verläuft ungünstig.

In einer zweiten Studie, der sogenannten „Stendaler Tagesbetreuungsstudie“, in die 100 Kinder zwischen ein und sieben Jahren einbezogen waren, wollten die Forscher wissen, welchen Einfluss die wechselnden Betreuungskontexte (öffentlich – privat) auf die Stressbelastung der Kinder nahmen. Hier zeigte sich, dass die flachste Cortisolkurve jeweils freitags verlief: Der Organismus der Kinder war dann am angespanntesten, bedingt durch den Stress der gesamten Woche. „Ungünstig auf den Cortisolspiegel wirkte sich auch ein unvorteilhafter Betreuungsschlüssel aus“, betont Ahnert.

Die Bandbreite der Betreuungsverhältnisse variierte zwischen Gruppen mit einer Erzieherin für sechs Kinder und einer für achtzehn Kinder. Interessanterweise korrelierte die Beziehungserfahrung des Kindes nicht mit der Stressaktivität: Das heißt, ob ein Kind sicher oder unsicher gebunden war, spielte für die Stressbelastung keine große Rolle. Ahnert: „Das hat wohl damit zu tun, dass die Kinder sich auf die jeweiligen Betreuungskontexte immer wieder neu einstellen müssen.“

Auffallend war aber die deutlich günstigere, noch bis zum Sonntag hin feststellbare Stressverarbeitung bei Kindern, die nur halbtags eine öffentliche Betreuung besucht hatten. Vor allem für jüngere Kinder scheint zu gelten: lieber kürzer in die Krippe und auch nur dann, wenn der Betreuungsschlüssel optimal ist. Ahnert findet „eins zu sieben oder eins zu acht okay; noch besser wäre aber eine Erzieherin für fünf Kinder“."

Hinweis:

Dies entspricht der maximalen Kinderzahl bei einer Tagespflegeperson

(A.d.R)